Jürgen Kuczynski (J. K.) – eine Legende in der DDR!

Jürgen Kuczynski (1904 – 1997 ) gilt als „der letzte große Einzelgelehrte der DDR“ (berliner-zeitung), „Querdenker und fröhlicher Marxist“(FAZ), ungewendeter, kritisch-kluger, DDR-Wissenschaftlers mit bedeutendem internationalen Ruf. Er war viel mehr als ein weltgewandter, unglaublich fleißiger Gesellschafts-Wissenschaftler, Berater der Politischen Führer der DDR mit viel Freiraum –  J. K. war eine Legende in der DDR.

  • „Der Wirtschaftshistoriker, Sozialwissenschaftler und Publizist war einer der wenigen großen Einzelgelehrten, die sich die DDR leistete.“ (BZ)
  • „Nestors der marxistischen Wirtschaftswissenschaften in der DDR“
  • „linientreuer Dissident“
  • der „berühmteste Urgroßvater der DDR“
  • über Jahrzehnte einen Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität  Berlin
  • Er besaß eine der größten Privatbibliotheken Europas
  • über 4,100 größere und kleinere Publikationen zu Ökonomie, Geschichte, Soziologie und Literatur
  • 40 Bände »Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus«,
  • 10 Bände »Geschichte der Gesellschaftswissenschaften«
  • 6 Bände »Geschichte des Alltags des deutschen Volkes«

Kuczynski hätte einen Nobelpreis als „produktivster Wissenschaftler“ verdient

„Es müßte ein Preis für exzellente Leistungen auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften in der Welt sein, ein Preis, den zu erringen eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler sich als
ebenso große Ehre anrechnen würde wie den Erhalt des Nobelpreises.“ (GÜNTER KRÖBER, UTOPIE kreativ, H. 171 (Januar 2005), S. 50-54)

„In der Wissenschaftsmetrie wird die Produktivität eines Wissenschaftlers gewöhnlich am Wert des Logarithmus der kumulierten Anzahl seiner Publikationen gemessen. Für J. K. betrug dieser zu seinem 90. Geburtstag lnNkum = 8,3211; es ist nicht ausgeschlossen, daß er bis heute auf 9 gestiegen ist. Das ist einsame Spitze in der Welt! In der Regel ist lnNkum = 5 eine Art Schwellenwert für einen Sozialwissenschaftler, ab dem er sich auf seinem Gebiet als allgemein akzeptiert und anerkannt betrachten darf. J. K. hatte diesen Wert schon mit 28 Jahren (1932) überschritten.“ (GÜNTER KRÖBER, UTOPIE kreativ, H. 171 (Januar 2005), S. 50-54)

Kuczynskis kritische Bilanz des realsozialistischen Experiments

Mit dem Ende der DDR und dem 40 jährigen Gesellschaftsexperiment einer sozialistischen Gesellschaft auf deutschem Boden bleiben einige Fragen historisch unbeantwortet:

 

  • Wo ist die wissenschaftliche Analyse des Untergangs des sozialistischen Lagers?
  • Wo ist die Schwachstellenanalyse für die Werke von Marx und Engels?
  • Wo ist das Konzept für den (neuen, deutschen) ‚Demokratischen Sozialismus‘, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt?
  • Wie soll aus diesem Konzept unter den Bedingungen der Globalisierung und ohne den ‚Neuen Menschen‘ der real existierende Demokratische Sozialismus entstehen?

Kuczynski hat sehr vorsichtig noch zu DDR-Zeiten damit begonnen, nach der Wende fortgesetzt, aber nicht beendet.

Bildergebnis für "Ein linientreuer Dissident". Memoiren 1945 - 1989

 

  • 1977: „Dialog mit meinem Urenkel“ – wurde zum Kultbuch in der DDR (über 100.000 mal verkauft)

Es wurde 1977 geschrieben, erst 1983 nach Auflagen des SED-Chefideologen Kurt Hager veröffentlicht.

  • 1996: „Fortgesetzten Dialog mit meinem Urenkel“ 

„DDR – Ein völlig deformierter Sozialismus“ (J.K.)

Selbstkritisches Bekenntnis seines kardinalen Denkfehlers im Leben: „das feudalabsolutistische Kommandosystem verneinen, aber darin 1000 gute Punkte finden ­ Einzelleistungen auf dem Gebiet der sozialen Sicherung oder im Bildungswesen.“

seiner Überzeugung blieb er bis zu letzt treu: Es werde irgendwann, und sei es in Jahrhunderten, eine neue, sozial gerechtere Gesellschaft kommen.

Als die entscheidende Ursache für das Scheitern des real existierenden Sozialismus nennt J.K 1994: „Nicht die Wirtschaft, sondern der feudale Absolutismus („Befehls-Kommandosystem“) – mangelnde Pressefreiheit, kümmerliche Basisdemokratie, Kritik von unten war ausgeschlossen. Es fehlte jede echte Demokratie.“

Kurczynski selbst war allerdings selbst ein Teil der „feudalistischen“ Privilegien in der DDR:

„Dass einer wie Kuczynski auch einmal etwas sagen durfte, was anderen den Kopf gekostet hätte und ja auch vielfach, wenn selbst nur im übertragenen Sinne, gekostet hat, zeigt neben allem, was es zeigt, auch das treppenwitzige Funktionieren von Privilegien.“ (Dr. Eckhard Ullrich)

Pluspunkte der DDR waren für Jürgen Kuczynski:

  • die soziale Sicherung der Menschen
  • Land ohne Arbeitslosigkeit
  • Land ohne Obdachlosigkeit
  • kein Mensch brauchte hungern
  • jeder konnte studieren, unabhängig von den finanziellen Verhältnisse
  • jede Frau konnte zur Arbeit gehen, wenn sie wollte

Bildergebnis für "Ein linientreuer Dissident". Memoiren 1945 - 1989

  • Bürokratie,
  • fehlende Basisdemokratie,
  • mangelnde Meinungs- und Pressefreiheit,
  • mangelndes Problembewußtsein,
  • Schönfärberei
  • Selbstherrlichkeit der Funktionäre
  • „die Partei“ funktionierte wie eine religiöse Sekte
  • in der DDR war kein Sozialismus, es war „eine Mischung aus Sozialismus, Kapitalismus und Feudal-Absolutismus“ und zerbrochen sei das System an der „fehlenden Basisdemokratie“

 

Jürgen Kuczynski machte eine kurze Bilanz eines langen Lebens: Große Fehler und kleine Nützlichkeiten

Bildergebnis für "Ein linientreuer Dissident". Memoiren 1945 - 1989

 

Jürgen Kuczynski im Gespräch mit Gregor Gysi anläßlich seines 90.Geburtstages

https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Bericht_Kuczynski.pdf

Kuczynski’s Erben